WZ am 16.05.2007

Konzert: Knarzende Stimme trifft bissige Satire

„Kultur am Montag“: Wendelin Haverkamp und Manfred Maurenbrecher begeistern mit Kabarett und Poesie.

Von Detlef Herchenbach

Grefrath. Was für Gegensätze – dieser Gedanke drängt sich auf, wenn man Wendelin Haverkamp und Manfred Maurenbrecher zusammen sieht. Aber wer die beiden gemeinsam auf der Bühne erlebt, kommt unweigerlich zu dem Schluss, dass sich Gegensätze anziehen müssen.

Wie wunderbar sie sich ergänzen, wurde in der jüngsten Ausgabe der „Kultur am Montag“ deutlich. In der bis auf den letzten Klappstuhl ausverkauften Grefrather Buchhandlung von Karl Gross und Regina Ringpfeil begeisterten sie mit einem gut zweistündigen Programm, das von der beständigen Veränderung lebt, aber stets den gleichen Titel trägt: „Zwei Mann in einem Schlot.“

Die Unterschiede sind schon äußerlich offensichtlich. Rank, schlank, von aufrechter Statur und mit scheinbar frisch geföntem grauem Haarschopf der eine. Einen Kopf kleiner, eher untersetzt, gebeugt und mit glattem dunklem Haar der andere.

Die Reihe der Unterschiede ließe sich munter fortsetzen. Haverkamp der Rheinländer, Maurenbrecher der Berliner. Gitarre hier, Klavier dort. Der kritisch-ironische Blick auf das Bildungsbürgertum hier, die liebevolle-kritische Sicht auf und aus der Gegenkultur dort. Hier Satire und Kabarett – vornehmlich der Marke Wort; dort Poesie der erdigen Sorte – meist der Marke Musik.

Doch sind sie zusammen auf der Bühne, wird all dies bedeutungslos. Dann zählt nur der Zauber des Moments. Der beginnt in der Grefrather Buchhandlung mit einem Tom-Waits-Stück, dem ein deutscher Text verpasst wird: „In der Nachbarschaft.“

Damit beginnt eine Reise durch eine Reihe von Regionen: Kabarett und Poesie sind natürlich dabei, ebenso Spitzfindiges und Liebevolles, Ironisches und Absurdes. Das alles gibt es teils gemeinsam, teils solo.

Auch hier wieder die Gegensätze. Zum Beispiel Haverkamp: Das eigentlich mit gespitztem Mund ausgesprochene „Walken“ wird bei dem Wahl-Aachener zum breiten „Walllken – gefühlt mit mindestens drei „l“. Wohlig suhlt er sich im Vokabular dieser Breitensport-Bewegung – bis hin zur Evolutions-Schlaufe . . .

„Wer Blödheit sät, wird Idioten ernten“, ist das Fazit seines kritischen Blicks wenig später, nachdem er sich die Bildungs-Studien zu Pisa & Co. vorgenommen hat. Und annähernd hemmungslose Begeisterung macht sich bei den gut 80 Zuhörer breit, als Haverkamp einen seiner Klassiker präsentiert: Edukator Anton Hinlegen, der gemeinsam mit Monsignore Stramm die Bundesjugendspiele am Karl-Heinz-Plum-Guminasium zu ungeahnten sportlichen Höhen führt . . .

Auf der anderen Seite Maurenbrecher: Das Markenzeichen seiner Lieder ist diese unglaubliche Stimme, diese ganz besondere Färbung. Dieses knarzende, verrauchte, tiefe – einfach wunderbar. Dazu dieser meist kräftige, fordernde, rollende Tanz über die Piano-Klaviatur.

Eine ganz besondere Qualität haben die Songs, die lustvoll dem Absurdem frönen. „Gib nicht gleich auf“, „Sag mir, wo die Rinder sind“, „Wenn der Diesel Luft holt, tief aus seinem Bauch.“ Und, vor allem: „Ein Lied, entstanden beim Singen.“

Ausgiebiger Applaus bescherte den Besucher noch drei Zugaben. Erst mit „Ein Glas für Harry und die Wunder dieser Welt“ ging um 22.45 Uhr diese fulminante „Kultur am Montag“ zu Ende.

Über eine solistische Fortsetzung haben gestern Morgen beim Frühstück Buchhändler Karl Gross und Manfred Maurenbrecher schon gesprochen. Vielleicht schon im Herbst könnte der Berliner wieder an den Niederrhein kommen und erneut in die Tasten greifen. Das sind doch Perspektiven!