RP am 28.02.2007

Über Hörgewohnheiten und Halbtöne

VON TOBIAS NEUMANN

GREFRATH Dass bei Karl Gross Kultur groß geschrieben wird, hat sich in Grefrath inzwischen herumgesprochen. Mit seiner Kultur am Montag bereichert der Buchhändler seit Jahren in loser Folge Schöngeister und Intellektuelle, was wie beim jüngsten Beispiel zu zusätzlich herangerückten Stuhlreihen führen kann. Mehr als 70 Gäste nahmen Platz in lauschiger Atmosphäre zwischen Büchern und bei Rotwein, um sich auf „Poetic Jaz.z“ einzulassen. Darunter auch Wiederholungstäter, die den polnischen Kontrabassisten Lech Wieleba bereits von einer musikalischen Lesung her kannten und wussten: der Mann ist gut! Mit seinem Sohn Pawel an den Drums sowie weiteren Musikern an Klavier und Flügelhorn wandelten die Vier auf den Spuren des Schriftstellers Tomasz Stanko, der den Jazz einst — zu Zeiten des Ostblocks — als „Fenster in die Freiheit“ titulierte.
So stiegen Wielebas fantastische Vier himmlisch leicht wie spielfreudig ein, ließen alle Melancholie erst einmal zur Seite. Geborgen und vertraut der Opener, der doch sehr an die klassischen Wurzeln der Gruppe erinnerte. Auf leisen Sohlen dann, ja fast unerkannt löste sich Wieleba aus diesen Elementen und spannte breite Bögen reiner Emotionalität, mal auf-, mal anregend. Hörbaren Genuss lieferte auch das Piano (elegant. innovativ, einzigartig: Vladislav Sendecki), das mittels endloser Modulationen, klaren Reihungen und klassisch verstandenen Themen den spielerischen Rahmen verließ — einen Rahmen, in dessen Grundmustern andere bereits aufhören.
Den Blick durch das „Fenster in die Freiheit“ bestritt „Poetic Jazz“ durch Reisen. Argentinien wird im „Blue Tango Nuevo“, über Hörgewohnheiten und Halbtöne gezupft, jedoch stets im Zusammenhalt trotz zerbrechlicher Formen. Die staubige Provence erfährt ein „chanson de la pluit“ und die polnische Wüste durchstreifen wir mit dem tagträumenden Kuschelkater Alex. Letzterer übrigens ein starker Moment für das Flügelhorn (sehr wandelbar: Jan-Peter Klöpfel), das ansonsten etwas sehr schnörkelig daherkam. Als Premiere und Zugabe dann Rückkehr in heimische Gefilde mit einer „Masu“ die mit slawischer Melodik ergreifend in die Nacht entließ. Mehr „Poetic Jazz“ gibt es an diesem Freitag um 20 Uhr in der Krefelder Friedenskirche.