RP am 11.10.06

Das Schicksal wurde zum Roman

VON NATASCHA BECKER

Die Stimmung erinnerte nicht an eine Buchhandlung, sondern eher an ein gemütliches Bistro.Rund 70 Gäste hatten sich eingefunden.Mit großen Schritten ging Johannes Groschupf,der Autor von “Zu weit draußen”, zum Pult.Karl Gross von der Grefrather Buchhandlung hatte zur “Kultur am Montag” eingeladen.
Nach längerer Pause stand diesmal dei Lesung mit dem Journalisten und Autor Groschupf auf dem Programm.”Auch wenn es Roman heißt, so ist es eine persönliche Geschichte.Ich lese sechs Abschnitte, die ein bißchen durch die Geschichte führen”,startete er den Abend.Nur das leise Ticken einer Uhr war zu hören.”Heute ist der letzte Tag,dachte ich” ,begann der Berliner in seinem Buch zu lesen.Einem Werk, das ein ganz persönliches ist, denn in ihm erzählt Groschupf seine Geschichte, die an einem Tag im Jahr 1994 im südlichen Algerien ihren Lauf nahm.
Dort überlebte der Reisejournalist als einziger einen Helikopterabsturz.Groschupf nahm die Zuhörer mit in die Wüste und ließ die Landschaft und diesen alles verändernden Tag vor ihren Augen entstehen: Eine Hochebene, auf der die Reisegruppe auf die beiden Helikopter wartet, die sie wieder zur Oase fliegen sollen. Die Helis kommen, und Groschupf entscheidet sich für einen der beiden. Es ist der dichter besetzte, und vom anderen Hubschrauber ruft man hinüber ,einige sollten doch ‘rüberkommen. Groschupf sitzt an der Tür,” doch der Weg über das Geröllfeld erschien mir zu weit”, liest er vor. Der 29-Jährige bleibt sitzen und besiegelt sein Schicksal, das ihn Minuten später ereilt. Der Hubschrauber stürzt ab.
“Hier gibt es keinen Ausweg. Das ist das Ende. Hoffentlich kommt es bald”, trägt der heute 41-Jährige vor. Er beschreibt sein Aufgeben, doch dann auch den Willen, aus dem brennenden Gefährt hinaus zu kommen, das für alle anderen zur Todesfalle wird. Er selbst überlebt mit 80-prozentigen Verbrennungen.
An diesem Abend ließ Groschupf den Weg zurück ins Leben in Kurzform Revue passieren. Seine Zeit im Krankenhaus:”Ich fürchte mich vor meinen Träumen. Ich lag in bleierner Traurigkeit.” Seine Ängste:” Ich konnte atmen, mehr nicht. Eine halbe Stunde ohne Schmerzen, eine Glückseligkeit.” Eindrucksvoll trug er seine Gefühle und Gedanken vor und löste tiefste Ergriffenheit bei den Besuchern aus.

Grenzlandnachrichten vom 12.10.2006

„Es war einfach faszinierend“

von MARIE-CHRISTINE JUST

Grefrath. Am Montag öffnete die Grefrather Buchhandlung wieder ihre Türen für „Kultur am Montag“. Ab 20 Uhr luden Geschäftsinhaber Karl Gross und Regina Ringpfeil zum „gemütlichen Beisammensein“ ein. Dieses Mal stand eine Lesung von Johannes Groschupf aus seinem ersten Roman „zu weit draußen“ auf dem Programm. In dem Roman geht es um den Journalist Jan Grahn. Er verunglückt auf einer Reportage in der Wüste mit einem Helikopter und entgeht dem Tod mit schwersten Verbrennungen. Monatelang liegt er im Halbdunkel einer Spezialklinik und kämpft gegen die Schmerzen und die Angst davor, weiterzuleben.

Die berufliche Zukunft ist unsicher, seine Ehe ein Scherbenhaufen, die Kinder sieht er nur unregelmäßig. Als er die Klinik schließlich verlässt, kehrt er zurück in eine Welt, deren Mitleid er nicht will und deren Erwartungen er ignoriert. Er zieht in eine kleine Hinterhofwohnung, lebt von Sozialhilfe und verbringt seine Tage mit gemeinnütziger Arbeit für das Gartenbauamt, während er nachts ausgedehnte Spaziergänge unternimmt. Mit großer Gelassenheit und beeindruckender Willenskraft arbeitet er an einem Ziel, von dem ihm weder die Zuneigung seiner Kinder noch die schüchterne Beziehung zu Tanja abhalten können: Er will noch einmal zurück, zurück an den Ort, an dem er sein bisheriges Leben verlor.

Direkt zu Anfang der Lesung bedankte sich Gross bei dem Autor, dass er sein „Privates und Berufliches so gelegt hat, dass er durch einen kleinen Umweg von Berlin aus nach Grefrath kommen konnte. Das alles für machbare Konditionen“. Groschupf seinerseits betonte, dass er meist gerne aus seinem Roman vorlese, besonders „in einem so netten und kleinen Kreis wie hier“. Er erklärt, dass er selbst noch in die Situationen versetzt werde, wenn er sie liest. Es gebe ihm jedoch Kraft, dass viele Menschen zuhören und es ganz still wird, weil das Publikum gespannt ist.

Das Ambiente war sehr einladend gestaltet worden. Die Räumlichkeiten der Buchhandlung waren bestuhlt worden und es brannten Kerzen. Sie verbreiteten Wärme und Gemütlichkeit im Inneren während es draußen dunkel und schon kühl war. Die einzige Lichtquelle kam vom Lesepult des Autors. Er saß mit dem Rücken zum Schaufenster, sodass die Zuhörer aus dem Raum herausblickten. Es wurde Wein angeboten und es herrschten rege Unterhaltungen bevor es losging.

Zu Anfang erklärte der Autor seine Vorgehensweise: er würde fünfundvierzig Minuten lesen und dabei in sechs Abschnitten durch das Buch gehen. Nach der Lesung lud er zum Fragen und Erzählen ein.

Während der Lesung senkte sich eine gespannte Stille über die Zuhörer. Die Stimme des Autors war schön anzuhören und der Inhalt fesselte. In kurzen Pausen zwischen den Abschnitten wechselte manch einer seine Haltung, während Groschupf sich neu sammelte. Danach herrschte wieder vollkommene Stille. Die Lesung beendete Groschupf mit einer Passage kurz vor dem Ende des Romans und erklärte so, warum dieses Buch ein Roman und keine Autobiographie ist: „Der Ich-Erzähler wollte nach seinem Unfall noch einmal in die Wüste zurückkehren, ich selbst war aber noch nicht wieder da.“ Die Lesung wurde mit lang anhaltendem Applaus des Publikums beendet und die Einladung zum Fragen stellen wurde bereitwillig angenommen. So erzählte Groschupf, dass er nach der dritten Klasse das Schreibenlernen als einzige Errungenschaft empfand und mit zwölf Jahren Schriftsteller werden wollte. Wegen seines Vaters ist er jedoch Journalist geworden und ist zum Schriftstellerdasein erst wieder zurückgekehrt, als er aus dem Krankenhaus kam. So hat er sich eine Selbsttherapie geschaffen. Diese sollte zu Anfang privaten Zwecken dienen, doch nun, zwölf Jahre nach dem Unfall, ist ein Roman daraus entstanden.

Dabei kam der Wunsch, seine Erlebnisse mit anderen Menschen zu teilen, ganz woanders her: In seinem Roman beschreibt er ein Nahtoderlebnis, als der Ich-Erzähler in dem abgestürzten und brennenden Helikopter in der Wüste liegt. „Ich weiß gar nicht richtig, wie ich es beschreiben soll“, erklärt Groschupf. „Ich ging aus meinem Körper hinaus und habe meinen Körper gesehen. Als ich aufstieg, sah ich die Gesichter meiner Kinder vor mir, so klar, wie ich noch nie jemanden gesehen habe. In dem Moment war es entschieden, dass ich weiter leben würde.“ Dieses Erlebnis war der Kern seines Schreibens. Zu Anfang viel es ihm schwer, mit anderen Menschen über das Erlebte zu sprechen, aber im Grunde hatte er schon immer den Drang sich mitzuteilen.

Dennoch ist er froh, dass er die Buchform gefunden hat, um diesen Teil seines Lebens aufgehoben zu wissen. „Es gibt auch noch andere Dinge in meinem Leben“, sagt er. „Ich schreibe gerade den zweiten Roman über ein anderes Thema. Abends sitze ich auch vor dem Fernseher, bringe den Müll runter oder mache die Steuererklärung. In solchen Momenten ist dieses Erlebnis relativ weit weg.“ So stand er vor der Lesung auf dem Grefrather Marktplatz vor der Kirche, „die Nacht war ruhig, ich spürte, dass der Herbst kommt und freute mich, am Leben zu sein.“ Nachdem alle Fragen beantwortet waren, war Groschupf „neugierig auf den Wein“ und bedanke sich für die rege Aufmerksamkeit. Es gab die Möglichkeit, das Buch signieren zu lassen, eines zu kaufen oder ins Gespräch mit dem Autor selbst zu kommen.

So war der Abend in vielerlei Hinsicht ein voller Erfolg, der auch an der Besucherzahl gemessen werden kann. „Wir haben mit vierzig Leuten gerechnet, es sind aber siebzig gekommen“, sagte Ringpfeil. Auch sie freut sich über einen gelungenen Abend: „Wir sind immer wieder überrascht, wie viele Leute kommen und wie gut das Programm ankommt. Viele Leute sind schon infiziert, weil sie das Buch gelesen haben oder einfach interessiert sind.“ So ein Abend zeige auch immer wieder, dass es noch Dinge gibt, die einen am Leben erhalten und das man getragen werde. Auch die Zuhörer sind begeistert: „Es war faszinierend“, beschreibt Alexandra Vesper (37) den Abend. „Ich habe noch nie an einer Lesung teilgenommen und bin auch nur zufällig daran geraten. Ich habe schon die ersten fünfzig Seiten gelesen und werde bestimmt auch den Rest noch lesen.“ Auch die Jugend war im Publikum anwesend. Linus Deike (17) fand den Abend ebenfalls sehr gut. „Ich habe das Buch noch nicht gelesen und bin hier, weil mein Vater Karten gekauft hatte. Die Emotionen und vor allem das Nahtoderlebnis sind sehr interessant. Ich möchte das Buch auf jeden Fall lesen.“

Allgemein beschreibt Ringpfeil die „Kultur am Montag“, dass es das Geschäft beseele und einfach etwas fehle, wenn so lange Pause zwischen zwei Programmen ist. „Man kommt ins Gespräch und kann sich mitteilen, viele Leute kennen auch die Prozedur schon und werden noch lange bleiben.