26.10.05

"Ich will, dass du mir zuhörst!"

Im ausverkauften Cyriakus-Haus las Edgar M. Böhlke aus Werken von Jorge Bucay.

Von Joachim Burghardt

Grefrath. Geisterstunde: Der Star des Abends war gar nicht da. Und doch spürund hörbar. Seine Worte, sein Humor ließen 180 Menschen träumen und erlöst lachen: Der argentinische Erzähler Jorge Bucay stand im Mittelpunkt der Veranstaltung “Kultur am Montag” der Buchhandlung Groß.

Aus Bucays Bestseller “Komm, ich erzähl dir eine Geschichte” las der Schauspieler Edgar M. Böhlke und bescherte ein großartiges literarisches Erlebnis.

In der spanischsprachigen Welt werden Bucays Geschichten in einem Atemzug mit “Der kleine Prinz” von Saint-Exupery genannt: Märchen als Therapie. Auch in Deutschland wächst Bucays Fangemeinde ständig was den großen Andrang in Grefrath erklärt.

Karl Groß wich zum ersten Mal mit der “Kultur am Montag” von seiner Buchhandlung in den größeren Saal im gegenüberliegenden Cyriakus-Haus aus; die 180 Plätze waren flugs ausverkauft. Dort schwärmte Verleger Egon Ammann aus Zürich, der Bucay für den deutschen Literaturmarkt entdeckte, über seinen Autor: “Er ist ein Magier, er würde Sie verzaubern.” Das indes gelang auch Edgar M. Böhlke: Der Schauspieler mit der sanften Stimme las nicht einfach Bucays therapeutische Geschichten er erzählte, lebte sie.

So war’ s ganz still bei der Tragödie vom “Mann, der glaubte, er sei tot” und sich in seinem Wahn von wilden Hunden auffressen ließ. Erleichtert lachten die Besucher über die angeblich “taube Ehefrau” Maria, deren verblendeter Mann sie nicht versteht weil er selbst schwerhörig ist.

“Was hält ihn zurück?”, fragte Böhlke, sah ins Publikum, schwieg kurz. Las weiter vom “angeketteten Elefant”, für den es ein Leichtes wäre, sich von dem lächerlich kleinen Holzpflock loszureißen. Allein Fehlversuche in Kindertagen ließen das große Tier resignieren: “Nie wieder hat er versucht, seine Kraft auf die Probe zu stellen.” Erneut schaute Böhlke auf, runzelte die buschigen weißen Augenbrauen und ließ den Therapeuten Bucay erklären: “Genau das hast auch du erlebt.”

So ergehe es allen. Menschen hingen “an hunderten Pflöcken”, könnten sich losreißen, trauten sich aber nicht letztlich fehlte nur ein kleines bisschen Mut, um den entscheidenden Schritt zu gehen.

Die Zuhörer waren beeindruckt: Standing Ovations für Edgar M. Böhlke, Blumen, Zugaben. Schließlich trugen, literarischer Höhepunkt, Böhlke und Ammann im Wechsel Bucays Gedicht “Ich will” vor, der Schauspieler auf Deutsch, der Verleger auf Spanisch. Viele Zuhörer flüsterten gerührt mit: “ Ich will, dass du mir zuhörst, ohne über mich zu urteilen. Bedingungslos!”

INFOS

  1. Der Psychiater Jorge Bucay, 1949 in Buenos Aires geboren, wirkt als Gestalttherapeut in Argentinien und Spanien. Seine Bücher erreichen Millionenauflagen. In deutscher Übersetzung ist “Komm, ich erzähl dir eine Geschichte” erschienen.
  2. Edgar M. Böhlke, geboren 1940 in Lauban/Oberlausitz, ist Professor für Schauspiel in Frankfurt und wirkte u.a. bei Fernsehserien wie Donna Leon oder Tatort mit.