Rheinische Post im Mai 2009

Volkslieder ganz neu zusammengesetzt

Grefrath (gho) In den zehn Jahren ihres Bestehens hat Karl Groß die Reihe “Kultur am Montag” in seiner Buchhandlung längst zu einer Grefrather Institution gemacht. So waren auch montagabend die Stuhlreihen voll besetzt, als das Trio “Zebrasommerwind” mit eigener und eigenwilliger Interpretation deutscher Volkslieder und -tänze sein Publikum begeisterte.

Mehr als 300 000 deutsche Volkslieder gibt es, erläuterte Sänger und Gitarrist Urs Fuchs, wobei er sich sinnvollerweise nicht auf eine Definition des Begriffs “Volkslied” einließ. Zum Repertoire der Gruppe gehören sehr alte Lieder wie das aus dem 16. Jahrhundert tradierte “Wach auf meines Herzens Schöne” ebenso wie Lieder aus der Wandervogelbewegung. Zuccalmaglios “Kein schöner Land” fehlt ebenso wenig wie Friedrich Silchers Loreley-Vertonung “Ich weiß nicht, was soll es bedeuten”.

Ergänzt wurden die Liedvorträge durch Instrumentalsätze deutscher Volkstänze, bei denen auch Komponisten der Jugendbewegung wie Karl Marx (1897-1985) Berücksichtigung fanden. Von diesem Musiker, der mit dem Autor von “Das Kapital” nichts zu tun hat, wurde ein reizvoller Tanz im seltenen 5/4-Takt vorgestellt. Für klangliche Abwechslung sorgten die Sängerin Andrea Leonhardi, die die Gitarre von Zeit zu Zeit mit Schlaginstrumenten vertauschte ebenso wie Thomas Kagermann, der zwischen Gitarre und Geige wechselte. “Wir spielen mit den Liedern”, erläuterten die Musiker von “Zebrasommerwind” ihr Konzept, indem wir die Bausteine mit der einen Hand in die Höhe werfen, sie mit der anderen Hand wieder auffangen und dann neu zusammensetzen. Doch führt bei dem Trio dieser spielerische Umgang mit den Originalen nicht zur Oberflächlichkeit, im Gegenteil. Das Leichte und Spielerische der deutschen Folklore kommt deutlich zum Ausdruck. Die ernsthaften Aussagen der Texte werden übernommen und gelegentlich durch Bearbeitung verdeutlicht. Melodien werden abgewandelt oder auch ganz neu komponiert. Trotz der munteren, temperamentvollen Vortragsweise bleibt der musikalische Grundtenor herb. Dagegen wird das Sentimentale der Lieder des 19. Jahrhunderts zurückgenommen. Die Mischung von Wiedererkennung und eigener Kreation überzeugt. Hinzu kommt eine lockere Moderation.

Ob die Schöpfer der Lied-Originale mit dieser Aufbereitung einverstanden gewesen wären? In mindestens einem Fall darf die Frage bejaht werden. Vor einiger Zeit hörte die Hindemith-Schülerin Felicitas Kukuck in Hamburg die Bearbeitung ihres Liedes “Es führt über den Main” und ging anschließend zu “Zebrasommerwind”. “Hat mir gut gefallen”, bescheinigte die hanseatische Komponistin den Musikern.