Rheinische Post vom 13.10.09

Das Leben durch Geschichten verstehen

von TOBIAS NEUMANN

Grefrath “ Ich bin Psychiater, der schreibt.” Diese zentrale Selbsteinschätzung des Buchautors Jorge Bucay fördert zwei Dinge ans Tageslicht: Zum einen verweist sie auf die tatsächlich therapeutisch angelegten Geschichtensammlungen des Argentiniers, zum anderen ist sie Ausdruck seiner sympathischen Bescheidenheit.
Jorge Bucay gastierte am Freitagabend mit einer Lesung in Grefrath, genauer in der Trauerhalle des Bestattungshauses Camps. Diese war mit 250 Menschen üppig besetzt und bot dem angesehenen Psychiater und Gestalttherapeut eine angemessene Bühne für sein neustes Werk.
“Zähl auf mich” (Cuenta conmigo” im spanischen Original) heißt das 320 Seiten starke Buch, das die Fortsetzung seines “Komm, ich erzähl dir eine Geschichte” darstellt. Demian, der Protagonist, steckt erneut in der Krise und erinnert sich an seinen Therapeuten, der ihn lehrte, das Leben anhand von Geschichten zu verstehen.

“Es war unser einziger Wille, Bucay wieder nach Grefrath zu holen”, sagt Organisator Karl Groß von der Grefrather Buchhandlung. Zusammen mit dem fähigen Dolmetscher Alexander Dobler und der deutschen Stimme von Bucay, Edgar M.Boehlke, betrat Jorge Bucay die Bühne – raumeinnehmend, freundlich, bescheiden. Mit einer irrwitzigen Geschichte führt er ins Thema ein, sein Fazit lautet:” Die Romancharaktere sind im Gegensatz zur Realität allesamt heilbar.”

Nächste Premiere in Grefrath

Es geht um Liebe, Leben und Tod, Bucays “Gedankenmaschine” produziert unaufhörlich treffende Bechreibungen des alltäglichen Wahnsinns. Leise Lacher gehen während des Vortrags durch die Reihen, und wenn Boehlke für Bucay aus dem Buch liest, schaut der Autor ihm interessiert zu, studiert seine Mimik und scheint fasziniert zu sein vom lebendigen Vortrag. Die Liebe zum Schreiben hat Bucay groß gemacht, und die Liebe ist es, die er dem Leser als “Weg und Inspiration” fürs Leben nahe legt.
Das wohl schönste Versprechen gab Bucay dem Veranstalter Karl Groß am nächsten Morgen beim Frühstück: Die (deutsche) Premiere des nächsten Buchs wird unbedingt in Grefrath sein.