08.03.06

Judy Rafat singt Jazz in der Buchhandlung Gross. Henning Gailing begleitet sie am Bass, Thomas Rückert am Klavier. Foto: Kurt Lübke

Jazz-Power-Frau zum Frauentag

Judy Rafat brilliert am Ehrentag der Weiblichkeit in der Grefrather Buchhandlung Gross.

Von Susanne Boehling

Grefrath. “Ich dachte, einfach eine Power-Frau zum Weltfrauentag, das wäre was”, begründet Buchhändler Karl Gross das Engagement von Judy Rafat just zu diesem Termin. Und eine Power-Frau ist sie in der Tat. Nicht nur, weil die Amerikanerin ihre Begleiter Thomas Rückert (Klavier) und Henning Gailing (Kontrabass) voll im Griff hat. Sie bringt Stücke großer Jazzkomponisten und solche aus eigener Feder.

Gleich das erste “habe ich geschrieben, da war ich verliebt”. Ein Lächeln gleitet über ihr Gesicht. Und ohne dass sie ein weiteres Wort darüber verliert, weiß jeder: Die Liebe ist weg, das Lied ist noch da.

Doch weil Rafat die starke Frau nicht nur auf der Bühne zu sein scheint, fehlt ihr jede Verbitterung. Vielmehr vermittelt sie mit ihrem Auftritt Lust an der ganzen emotionalen Bandbreite: Höhen und Tiefen, zart und hart, sanft und wild, ist sie doch immer stark, ihr Ton klar und sicher. Sie lässt die Zuschauer zusehen, wenn sie den Kopf in den Nacken legt, die Augen schließt, konzentriert auf ihren Einsatz wartet. Gerne verfolgt man ihre lebendige Mimik, was bei der vorhandenen Beleuchtungs-”Anlage” leider nicht immer möglich ist.

Erstaunlich, welch aberwitzige Tonschritte sie beim Jazz geht, wie sie sich aus tiefen Tiefen aufschwingt in höchste Höhen. Und umgekehrt sich dorthin fallen lässt, ohne abzustürzen. Da gibt es scheinbare Disharmonien, die klassischem oder populärem Harmoniebedürfnis krass widersprechen. Doch der Jazz gewinnt daraus seinen ästhetischen Reiz. Bei dem von Rafat und ihrer Crew gebotenen Niveau können die gut 70 Zuschauer in der voll besetzten Grefrather Buchhandlung gar nicht anders, als diesem Reiz zu erliegen.

Zum Glück gibt es den Weltfrauentag. Denn dieses Trio bei gewohnt niedrigen Eintrittspreisen zu engagieren, ist nur mit Unterstützung der Gleichstellungsstelle und der Grefrather Grünen möglich. Natürlich, dass die Gleichstellungs-Beauftragte Annemarie Quick ein paar deutliche Worte zum Anlass spricht. Natürlich, dass auch die Künstlerin darauf eingeht, zumal sie vor kurzem eine entsprechende CD produziert hat.

Dass einige der erfreulich zahlreich anwesenden Männer darüber abwertende Kommentare verlieren, erscheint deswegen unangebracht. Aber mit der beim Jazz geübten Toleranz gegenüber Disharmonien beeinträchtigt das den Genuss kaum. Wenn man ganz weit gekommen ist, gewinnt man dem sogar Lust ab und schmunzelt . . .